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Samstag, 27.09.2008
Unser letzter Tag in Slowenien ist angebrochen! Nach einem reichhaltigen Frühstück verlassen wir pünktlich zur vereinbarten Zeit Maribor. Heute pilgern wir hügelauf, hügelab durch Weinfelder, an Kürbisfeldern entlang und sammeln Esskastanien und Walnüsse, die vor unseren Füßen liegen. Immer wieder tauchen auf Hügelkuppen neue kleine Dörfer auf, die an ihren Kirchen schon von weiten zu sehen sind und erreichen den Ort „Jeruzalem". Der Name des Ortes geht auf den Deutschen Ritterorden zurück, der im 13. Jahrhundert den Hügel mit der Umgebung geschenkt bekam. Die Kreuzritter ließen einen Turm mit einem Gemälde der traurigen Muttergottes errichten. Dieses Gemälde ist eine Kopie eines Gemäldes in Jerusalem und befindet sich heute am Hauptaltar der Kirche, die aus dem Jahre 1652 stammt. Diese Kirche ist der geeignete Ort für unseren heutigen Pilgerausstieg mit Gedanken zur Offenbarung des Johannes, Kap. 21.

Nach der geistigen Nahrung verlangt auch der Magen nach seinem Recht und der Platz vor der Kirche bietet sich für die Mittagsrast geradezu an. Hinter Jeruzalem Ormoz passieren wir die slowenisch-kroatische Grenze, die jetzt eine EU-Außengrenze darstellt und hier begegnen uns erstmalig auf dem Egeria-Weg Grenzkontrollen. Nach dem Grenzübergang bei Ormoz stoßen zahlreiche kroatische Frauen zu uns. Bozena, Jarmila und Mirjana sind besonders zu nennen, da sie bis zum Schluss unserer Pilgerreise unsere Begleiterinnen, Mitpilgerinnen und Dolmetscherinnen sind. Unser Nachtquartier ist in einem Frauenkloster. Die 27 Schwestern gehören der Kongregation „Liebende des Blutes Christi" an, die von der Italienerin Maria de Mattias im Jahre 1834 gegründet wurde. Ursprünglich stammte die Schwesternschaft aus Bosnien. Sie wurde während des Krieges von dort vertrieben und hat vor 16 Jahren ihr heutiges Kloster in Kroatien gebaut. Ihre Kongregation umfasst 40 Häuser in Kroatien, Serbien und Bosnien. Neben ihren Tätigkeiten in Schulen und bei der Kranken- und Altenpflege betrachten sie die Versöhnungsarbeit als eine wesentliche Aufgabe.

Am Abend dürfen wir Frau Jadranka Cigelj in unserer Runde begrüßen. Frau Cigelj ist bosnische Kroatin, Rechtsanwältin, Politikerin und Menschenrechtsaktivistin. Sie wurde 1992 für fast zwei Monate im Konzentrationslager Omarska inhaftiert. Fünf von 37 gefangenen Frauen und ungefähr 3000 Männer, meist bosnische Muslime, wurden in diesem Lager ermordet. Schonungslos offen schildert sie in ihrem Buch „Appartement 102 Omarska" das tägliche Leben und Überleben in einer entmenschlichten Welt, in der Folter, Vergewaltigungen und Töten durch ehemalige Nachbarn und Kollegen zum Alltag gehörten. Aus diesem Buch liest Carola, und Frau Cigelj nennt auch die Gründe, warum sie dieses Buch, dass doch sehr Persönliches preisgibt, geschrieben hat: nämlich im Wesentlichen deswegen, damit diese schrecklichen Ereignisse nicht vergessen werden. Nach ihrer Verabschiedung lässt sie die 30 Zuhörerinnen sehr betroffen zurück. Ein wehmütiger Augenblick steht uns noch bevor. Wir müssen uns von Corinna und Nadja verabschieden, die uns in den Tagen in Slowenien pilgernd und übersetzend begleitet hatten und uns ans Herz gewachsen waren.

Heidelore


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durch Weinberge pilgern wir bis nach Jeruzalem Ormoz, nahe der slowenisch-kroatischen Grenze
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Pilgerpause: ein paar Grüße nach Hause – oder das Tagebuch – schreiben
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an der Grenze zwischen Slowenien und Kroatien, jetzt eine EU – Außengrenze
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aufmerksame Zuhörerinnen beim Vortrag von Jadranka Cigelj