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Sonntag, den 28.09.2008
Nach einer Nacht, in der die meisten von uns noch sehr an der abendlichen Lesung mit Jadranka Cigelj zu knabbern hatten, brechen wir pünktlich um 9. 00 Uhr auf. Da die Geschäfte sonntags bis 13.00 Uhr geöffnet haben, können wir unsere Reserven an Wasser, Käse, Wurst und Brot, sowie Obst und Gemüse auffüllen.

In Ludbreg empfangen uns unsere Bergführer, die uns die 34. Etappe, unsere 1. Etappe durch Kroatien, führen sollen: Erwin, Damir und Viego. Mit Englisch und der Übersetzungshilfe von Jarmila können wir uns verständigen. Sie hatten sich große Mühe gegeben, für jede von uns eine Karte kopiert, in der die zu laufende Strecke markiert war.

Vom höchsten Punkt - dem Lepa Goriza - aus, haben wir eine wundervolle Aussicht bis zur ungarischen Grenze. Das zweite Wegdrittel führt durch herrliche Weingärten, in denen die Lese gerade im vollen Gange ist. Überall riecht es nach Trester und frischen Trauben, dazu ein Wetter mit Sonnenschein und blauem Himmel - fast paradiesisch. Immer wieder werden uns Weintrauben gereicht, so dass wir unsere Vorräte gar nicht anbrechen müssen. Dann geschieht das Weinwunder Kroatiens: an einem Weinberg treffen wir auf eine kleine Hütte, in der gerade ein Weinbauernehepaar am Schaffen ist. Vor der Hütte brennt ein kleines Feuer, über dem ein schwarzer Kessel mit Eintopf hängt. Eine alte Frau sitzt dabei und beobachtet unseren Aufstieg. Nach einem freundlichen „Dober dan" wollen wir unseren Weg nach oben fortsetzen, doch da werden wir förmlich zum Halten gezwungen. Mit deutlichen Gesten und Worten werden wir zum Bleiben eingeladen, mit köstlichem Rotwein (Frankovka) und Weißwein, selbst gemachtem Paprika-Knoblauch-Käse und frischem Brot beköstigt. Wir wissen gar nicht, wie uns geschieht. Verlegen fragen wir uns, was wir wohl als Obolus oder Spende geben sollten, bis uns klar wird, dass wir mit dieser Geldgabe unsere Gastgeber beleidigt hätten. Geschenke, die von Herzen kommen, sollten wir auch in unserem Herzen spüren und nicht in unserem Geldbeutel. Eine wichtige, neue Erkenntnis, die wir von den Weinbauern Liljana und Miljenko gelernt haben!

So gestärkt und beschwingt setzen wir den Weg fort, auf dem uns nun als nächste Station das Treffen mit dem Bürgermeister erwartet. Ein genauer Zeitpunkt war nicht ausgemacht, so dass wir unsere typisch deutsche Mentalität des Termineinhaltens ad acta legen können. Wenn wir da sind, sind wir da! Ivan Loncaric empfängt uns in seinem Hof an einem Tisch unter einer riesengroßen Linde. Der Größe nach ein echter Peppone, aber ohne Blasmusik und Transparenten. Voller Stolz führt er uns in seinen Weinkeller, wo allerdings bester Slibowitz auf uns wartet, den wir alle probieren müssen. Draußen unter der Linde wird Brot dazu gereicht, Wein ausgeschenkt, so dass unser Alkoholpegel für diese Etappe schon weit überschritten ist. Demzufolge ist die Stimmung sehr heiter und bewegt. Herr Loncaric erzählt uns von der Geschichte seiner Stadt Ludbreg, die auf die römische Siedlung Iovia zurückgeht. Iovia liegt auf der alten Pilgerstrecke, die dann weiter nach Mursa (Osijek) führt - unsere Strecke also! Ludbreg gilt als das Centrum Mundi, da von hier aus im Mittelalter die geologischen Ringe zur Landvermessung gezogen wurden. (Rom liegt 597 km und Paris 1100 km entfernt). Im Jahre 1411 ereignete sich hier in Ludbreg ein eucharistisches Wunder - der Wein wurde zu echtem Blut gewandelt. Von da an wurde dieser Ort, Marisa Bistrica, zum großen Wallfahrtszentrum für Tausende von Menschen. Nach dem letzten Krieg wurde eine große Kirche über diesem alten Platz errichtet mit einem großzügig angelegten Außengelände, das Platz für große Pilgergruppen bietet. Im Jahre 2011, in der ersten Septemberwoche, wird die 600-Jahrfeier begangen, zu der auch der Papst eingeladen ist. Ludbreg war immer schon ein wirtschaftliches, sportliches und kulturelles Zentrum Kroatiens und wird es bleiben, so hofft der Bürgermeister. Das Interesse des Bürgermeisters an unserem europäischen Pilgerprojekt und dem Vortrag von Carola ist darum auch groß. In dem Beitrag geht es um die Bedeutung des Pilgerns als eine Kultur und Völker verbindende Form der Begegnung. Seit Jahrhunderten sind Menschen in Zeiten auf den verschiedenen Pilgerwegen durch ganz Europa gepilgert und haben damit einen Beitrag zur europäischen Verständigung geleistet.
Zum Abschied werden wir noch mit einer uralten Weinpresse - Weinherstellung ist eine weitere Leidenschaft des Bürgermeisters - aus dem Jahre 1838 bekannt gemacht, sowie mit den Schweinen und Rehen, die er in seinem Anwesen hält . Ein echter Selbstversorgerbetrieb, der unabhängig vom globalen Marktgeschehen existieren kann.

„Unsere" Tagesbegleiter bringen uns sicheren Fußes zu unserem Hotel direkt beim Centrum Mundi - einem markierten bronzenen Punkt auf dem zentralen Marktplatz der Stadt. Unsere 1. Etappe in Kroatien war voller Überraschungen und Begegnungen, die uns sehr reich beschenkt zu Bett gehen ließen. Und meine persönliche Erkenntnis: Gastfreundschaft - ein unbezahlbares GUT, das Wunder tut !!

Karin


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wir lassen uns die geschenkten Trauben gut schmecken
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Ludbreg gilt als das Zentrum Mundi, hier wurden im Mittelalter die geologischen Ringe zur Landvermessung gezogen