Türkei / Reisetagebuch / Montag, 24. September 2012
Montag, 24. September 2012

Eine große Ehre wird uns Egeria-Pilgerinnen heute zuteil. Wir sind zu einer Audienz beim ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel geladen, dem geistlichen Oberhaupt der gesamten orthodoxen Christenheit. Das Patriarchat liegt im benachbarten Stadtteil Fener, (Phanar) und so machen wir uns rechtzeitig auf und wählen den Fußweg am „Goldenen Horn“ entlang. Am Eingang des Patriachats empfängt uns Dr. Dositheos, Archediakon und persönlicher Referent Seiner Allheiligkeit Bartholomäus I. und geleitet uns unter einigen Erklärungen über den Verlauf der Audienz in den großen, festlichen Empfangssaal. Vorab gibt er in fließendem Deutsch einige Erklärungen zu seiner Person und zu Bartholomäus I. Der Patriarch versteht sich als Bischof von Konstantinopel in der Nachfolge des Apostels Andreas, so wie der Bischof von Rom sich in der Nachfolge des Apostels Petrus versteht. Seit dem Jahre 381, dem Zweiten Ökumenischen Konzil, steht der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel den Patriarchaten von Alexandrien, Antiochien, Jerusalem und seit 1589 auch dem Patriarchat von Moskau und ganz Russland vor, hat also den ersten Patriarchenstuhl inne. Damit ist der Ökumenische Patriarch unter den Patriarchen Erster unter Gleichen - primus inter pares - der erste Bischof und das geistige Oberhaupt der gesamten orthodoxen Christenheit, wobei hier der Titel ökumenisch keine interkonfessionelle, sondern eine intrakonfessionelle Bedeutung hat. Und dann kommt mit schnellen Schritten Bartholomäus I. in den Audienzsaal, ein eher kleiner, fast zierlicher Mann mit langem weißen Bart und großen grauen, hellwachen Augen. Ich fange an zu verstehen, warum in neuerer Zeit der Ökumenische Patriarch in der internationalen Rezeption geachtet und geehrt wird. In seiner Funktion als 270.Patriarch von Konstantinopel hat sich Bartholomäus I. wie auch sein Vorgänger Demetrios I. als wichtiger Promotor der innerchristlichen Ökumene und auch des interreligiösen Dialogs erwiesen. In zahlreichen Publikationen tritt er als unermüdlicher Mahner für Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung und vor allem für die Bewahrung der Schöpfung ein, weshalb ihm bereits der Beiname „Grüner Patriarch“ verliehen wurde. Namentlich auf seine Initiative geht die Verbesserung der ökologischen Situation des Goldenen Horns in Istanbul zurück. Weiter erläutert Patriarch Bartholomäus seine spirituelle Vision der Gemeinschaft des Menschen und der Schöpfung im Allgemeinen mit Gott in der Welt und nicht von der Welt. Auch liegt ihm die Überwindung jeder Form des Fanatismus, insbesondere des religiösen Fanatismus besonders am Herzen. Als Gästen wird uns zu Beginn der Audienz Gelegenheit gegeben, unser Pilgerinnen-Projekt vorzustellen. Dabei legt Carola einen Akzent auf den Schöpfungstag, den wir seit einigen Jahren auf dem Egeria-Weg feiern. Davon überreichen wir dem Partiarchen Dokumentationen und unsere Egeria-Kerze. Die Zeit für die Audienz vergeht wie im Fluge. Aber für ein Gruppenbild muss noch Zeit sein. Am Abend treffen wir uns zum Sendungsgottesdienst in der Kreuzkirche der Deutschen Gemeinde im Stadtteil Beyoglu. Dieser Gottesdienst wird von einem wahrhaft Ökumenischen Team gefeiert: Die Liturgie wird von der evangelischen Pfarrerin Ulla August und dem katholischen Priester der deutschen Gemeinde und einer österreichischen Pastoralreferentin geleitet. An der Orgel begleitet uns ein armenischer Kantor. Die Predigt ist eine Auslegung des Pilgerliedes von Gerhard Teerstegen, verbunden mit unseren Pilgererfahrungen auf dem Egeria-Weg. Anschließend sind wir zu einem Begegnungsabendbrot eingeladen. Dabei stellt sich heraus, dass die Gruppe junger Männer, die an dem Gottesdienst auch teilnimmt, Theologiestudenten aus Deutschland sind, die sich zu einer Radtour von Passau via Istanbul nach Jerusalem zusammengefunden haben. Wegen des Bürgerkrieges in Syrien haben sie kurzfristig beschlossen, von Istanbul aus nach Jerusalem zu fliegen. In den folgenden Gesprächen steht insbesondere das sozialpolitische Engagement der christlichen Gemeinschaften mit dem orthodoxen Patriarchat, dem christlich muslimischen Forum und der unmittelbaren muslimischen Nachbarschaft im Mittelpunkt. Wir trennen uns spät und wortreich… Gerda M.