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Freitag, 28. September 2012

Mit dem Ruf des „Mikrofon-Muezzins" kommt die Sonne herauf und wirft ihr Licht mit Wucht in unser Hotelzimmer, in dem schon das Lärmen der erwachenden Stadt eingetroffen ist. Mit wachen Sinnen begrüße ich den Tag auf der Dachterrasse hoch über dem Häusermeer und freue mich auf stille Pilgerwege und guten Bodenkontakt. Für den heutigen Tag haben wir nach Kartenlage eine Pilgerstrecke an einer untergeordneten Straße, längs eines Bachlaufes herausgesucht, ungefähr auf der Mitte der heute zu bewältigen Reisestrecke von Ankara nach Avanos. Ob wir den Weg finden und ob er still ist oder stark befahren, das wird sich erweisen.
Nach gut 1,5 Std. Busfahrt erreichen wir die Abfahrt zu der winzigen Asphaltstraße und entdecken auch das Bächlein, das baumbesäumt unweit der schnurgeraden Straße sich durch die Stoppelfeldlandschaft schlängelt. An einem von den zahlreich vorhandenen sprudelnden Wasserbrunnen halten wir an für den Einstieg. Erfrischt vom kühlen Quellwasser und mit gefüllten Trinkflaschen sammeln wir uns zur Andacht. Eine Pilgerschwester nimmt uns mit auf die Reise des Seelenvogels, wie sie in einem Gleichnis-Lied von Gerhard Schöne beschrieben ist. Was braucht es, um den Seelenvogel hoch auffliegen zu lassen und was hindert ihn, uns, am Fliegen? Was beschwert, welcher Seelen- Ballast kann abgeworfen werden? Diese Fragen nehme ich mit auf den Weg, dazu eine bunte Feder, die mich an sie erinnern wird.
Wir laufen in der Deckung der Weiden und Pappeln am Bachlauf entlang, gehen lieber den gewundenen Weg im Schatten länger als den geraden, kürzeren auf der staubigen Straße. Gegen Mittag gelangen wir an ein Dorf. Mit dem Insan, dem Ruf zum Mittagsgebet, breiten wir unsere Picknickdecke unter alten Nussbäumen aus.
Hinter dem Dorf trennen sich der Bachlauf und die Straße, der wir nun treu bleiben müssen, um am späten Nachmittag den Bus zu erreichen. Auf flirrendem Asphalt bewältigen wir mehrere Hügelkuppen und erblicken bald in der Ferne einen Zipfelalt des Stausees, der immer näher kommt und den wir nach fünfzehn km Fußweg am Nachmittag erreichen. An der Staumauer wartet der Bus und unter einem Dach aus Hochspannungsdrähten finden wir ein Areal für die Abschlussandacht und das Dehnen unserer Muskeln und Sehnen.
Vom Stausee, einem großen Süßwasserreservoir, sind es mit dem Bus nur wenige Kilometer zum großen Salzsee, der milchig in der Abendsonne liegt. Es ist schon dunkel, als wir in Avanos ankommen. Von dem Hotel, das uns dort erwartet, hatten wir schon gehört. Ein Liebhaber alter Dinge hat nach und nach die verfallenen Häuser der Stadt ausgebaut und miteinander durch Gänge und Gewölbetunnel oder Treppen, Brücken und Terrassen verbunden. So ist unser Weg durch die Herberge der hundert Zimmer ein letzter abendlicher Orientierungslauf. Belohnt wird er mit einer herrlichen Aussicht von „unserer" Terrasse auf die Lichter der Stadt, die sich im Roten Fluss verdoppeln. Das Zimmer ist ein Traum aus bäuerlichen Antiquitäten und folkloristischer Kleinkunst, die liebevoll arrangiert den Raum mit Behaglichkeit füllen und zum Verweilen einladen. Der Name des Hotels ist eben Programm. Er lautet: Sofa-Hotel.
Carola