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Sonntag, 30. September 2012

 

Schöpfungstag
Heute feiern wir - wie in den Vorjahren schon - einen Schöpfungstag. Gottes Schöpfung mit allen Sinnen zu erfahren, in ihr achtsam zu wandeln, sich der gemeinsamen Verantwortung für ihre Bewahrung bewusst zu bleiben, uns darin gegenseitig zu bestärken und Gott zu danken - das sind die fünf Elemente unseres Schöpfungstages. In fünf Gebetszeiten, die wir nach der überlieferten muslimischen Tradition gemeinsam feiern, kommt dies zum Ausdruck. Dabei wissen wir uns verbunden mit den christlichen Gebetszeiten, die schon von Egeria beschrieben wurden. (EGERIA, Itinerarium - Reisebericht, übersetzt und eingeleitet von Georg Röwekamp, FONTES CHRISTIANI, Band 20; Freiburg 1995; 24,1-25,6; S. 225-237.)

Wir treffen uns also um 6.30 Uhr auf einer der Terrassen unseres Hotels zum ersten Morgengebet. Gleichzeitig mit dem Ruf des Muezzins beten wir Teile der Sure 55 aus dem Koran und Verse aus Psalm 104, die uns den ganzen Tag begleiten werden.
Um 9.45 Uhr, nach dem zweiten Morgengebet, fahren wir ab nach Uçhisar und halten auf dem Burgberg die dritte Gebetszeit.
Unser Pilgerweg durchs Taubental schlängelt sich zwischen Tufffelsen, die durch die Erosion glatt gehobelt sind oder spitze Kegel, Pilze und Kamine bilden. Hinter jeder Biegung erscheinen neue, abenteuerliche Formen, viele mit Fenster- und Türöffnungen und Einfluglöchern für die Tauben, die dem Tal seinen Namen gaben.
Der Wasserlauf, gleichzeitig der alte Weg, wird durch Tunnels geführt, die wir auf einem neuen Weg umgehen. Trotzdem müssen wir manches Wasserloch überqueren und uns zwischen umgestürzten Bäumen und Dornenranken hindurchwinden. Dann wieder laufen wir durch Gemüsegärten, zwischen Beerensträuchern und Reben mit dicken Trauben hindurch. Über uns hängen Äpfel, Birnen und Quitten, und bunte Sommerblumen verstärken den Eindruck von üppiger Fruchtbarkeit.
Schon seit einiger Zeit folgt uns ein Mann. Schließlich hören wir, dass er uns etwas zuruft, und Gülçan übersetzt. Er warnt uns vor dem weiteren Weg, der Regen habe den Canyon unpassierbar gemacht. Mit seinen Badelatschen an den Füßen geht er uns voraus und führt uns auf einem schmalen, aber ungefährlichen Pfad um die Schlucht herum.
Wir pilgern schweigend weiter, folgen einem abenteuerlichen Weg an Tuffsteinwänden entlang, dann wieder steil hinab und auf einer Bretterbrücke über den Bach. Unter einem Tunnel neben dem Wasserlauf halten wir die vierte Gebetszeit. Gülcan legt wieder ihr Kopftuch um und betet auf arabisch mit geöffneten Händen ihre Verse aus dem Koran. Unsere Mittagspause halten wir auf einer Wiese mit hohem Gras im Schatten von Pappeln und Quittenbäumen.
Etwa um 15.00 Uhr sind wir in Göreme. Welch ein Unterschied zu unserem einsamen Pilgerweg! Hier nimmt uns geballter Tourismus in Empfang: Stände mit Souvenirs aller Art, Lokale und Imbissbuden, Hotels jeder Kategorie. Darunter sind auch solche, die eingebaut in alte Wohnhöhlen, modernsten Komfort bieten. Wir aber machen uns auf zur „Versteckten Kirche". Der Weg, mit nur ein paar hundert Metern beschrieben, zieht sich hin in brütender Hitze. Wieder finden wir einen rettenden Engel in Gestalt eines Kaffeehausbesitzers, der uns vorausgeht, erst durch einen Hoteleingang, dann auf einem sehr steilen und rutschigen Pfad bergauf, über schmale Treppen wieder hinab. Die Kirche ist geschlossen, durch das Türgitter können wir hineinschauen: Säulen, Gewölbe, Fresken im Dämmerlicht - ein geheimnisvolles verborgenes Schmuckstück
Wieder zurück in Avanos beenden wir auf der Anhöhe hinter unserem Hotel den
Schöpfungstag mit letzten Lesungen und einem meditativen Tanz. Die unterwegs gesammelten Schöpfungsgeschenke wie Blüten, Früchte, Holz, Steine, Erde, aber auch vom Menschen hinterlassene Dinge legen wir in einen Steinkreis zu einem Mandala um das „e" des Egeria-Logos. Drei junge Männer und zwei Frauen beobachteten uns und sprechen uns an. Sehr interessiert hören sie unseren Erklärungen zu, und wir freuen uns über die Aufgeschlossenheit der jungen Türken. Am nächsten Tag bestätigt sich dieser positive Eindruck, denn unser Mandala, obwohl von vielen Einheimischen besucht und in Augenschein genommen, ist unbeschädigt geblieben.Uta
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