Türkei / Reisetagebuch / Dienstag, 2. Oktober 2012
Dienstag, 2. Oktober 2012

Für den letzten Pilgertag steht ein besonderer Weg an. Mit dem Bus geht es zunächst nach Mustafapaşa, einem kleinen Dorf am südlichen Rand des Naturschutzgebietes um Avanos. Mit der Gründung des Staates der Türkei 1923 wurde allerdings ein Völkeraustauschprogramm gestartet, bei dem ganze Familien nach Griechenland umgesiedelt wurden. Im Gegenzug kamen griechisch sprechende türkische Familien aus Griechenland in das Dörfchen. Heute noch findet sich der griechische Ortsname „Sinasos" in Restaurantschildern und am Ortsrand. Einmal im Jahr besucht der Patriarch der orthodoxen Kirche, Seine Allheiligkeit Bartholomäus I., die alte Kirche St. Helena, die sich mitten im Zentrum des Ortes befindet, um hier Gottesdienst zu halten. Auch viele Ausgewanderte bzw. Umgesiedelte kehren gerne an den Ort ihrer Vorfahren zurück.
Für den Pilgerweg orientieren wir uns an einer wunderschönen Panoramakarte, auf der potentielle Wanderrouten eingezeichnet sind, allerdings ohne genaue Maßstabsangaben und Höhenmeter. Geplant ist ein Weg, auf dem wir das Gomeda-Tal passieren sollten, um dann nach Ortahisar zu gelangen.
Männer im Teehaus von Mustafapaşa empfehlen uns, aus dem Ort heraus in Richtung Friedhof zu gehen, um von dort nach 500 m an eine Quelle zu gelangen, an der sich eine Ausschilderung nach Ortahisar finden würde. Die Straße führt steil bergan und nach kurzer Zeit erreichen wir den Friedhof. Bei ca. 27°C unter heiterem Himmel ziehen wir weiter auf der Suche nach der Quelle, die auch wirklich nach einem halben Kilometer am Straßenrand zu sehen ist. Nach einer Erfrischungspause erleben wir den Einstieg ins Pilgern. Im Schweigen gehen wir auf einer breiten und sandigen Straße und folgen einem Schild mit der Aufschrift „Gomeda-Tal". Uns bietet sich dabei ein atemberaubend schöner Blick über die felsigen Höhen und Täler dieser Gegend. Allerdings ist in dieser wilden Landschaft von unserem Standort aus noch kein Weg, der über die Höhen führt, auszumachen. Vertrauensvoll pilgern wir weiter, bis wir am Eingang des Gomeda-Tals die Reste einer Kirche ausmachen. Mutig steigen wir hinab ins Tal und biegen nach links ab, wo sich uns mit den großen Felsbrocken, die wie hingeworfen aussehen, den kleinen Bäumchen und Sträuchern, die sich dazwischen Raum suchen, ein herrlicher Anblick bietet. Doch leider führt uns schon nach kurzer Zeit der Weg aus dem Tal hinaus und sehr steil hinauf zu einem Hochplateau, mühsam kämpfen wir uns hinauf. Dieser Anstieg wird für einige im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend. Die Sonne tut ihr Übriges, und so rinnt der Schweiß in Strömen, und jeder kleine Schatten wird aufgesucht. Erstaunlicherweise treffen wir in dieser Wüste auf kleine Weingärten, wobei jeder Weinstock von einem Erdhaufen geschützt wird. Nach einer wohltuenden Mittagsrast unter Aprikosenbäumen brechen wir zu unserer letzten Etappe auf, das nächst gelegene Dorf Ibrahimpaşa, nicht Ortahisar, ist unser Ziel. Dabei fordert das Wetter uns auf ganz besondere Weise heraus. Ein Sandsturm zieht hinter uns auf und holt uns auch bald ein. Eingehüllt in unsere Regenjacken stemmen wir uns gegen den Sand, der uns in Mund und Nasen dringt. Nach einer guten halben Stunde ragen die Minarette der örtlichen Moschee aus dem Tal auf. Und wir ziehen hinab in ein kleines Dorf, dessen beide Hälften mit einer wunderschön geschwungenen Steinbrücke verbunden sind. Egal, wie klein und armselig ein Dorf aussehen mag, eine Teestube findet sich immer.
Einige Frauen entschließen sich auf der Heimfahrt, dem Göreme -Kirchenmuseum noch einen Besuch abzustatten, das mit seinen bedeutenden Felsenkirchen aus dem 4. - 11./12. Jahrhundert beeindruckende Zeugnisse christlicher Lebens- und Glaubenszeugnisse enthält.
Anschließend erleben wir den letzten Abend in Avanos auf ganz besondere Weise.
Zwei Musiker bieten bereits während des Essens ihr Können an, animieren zum Mitsingen und -klatschen. Dann lädt Gülçan nach all den guten Speisen zum Bauchtanzunterricht ein, dem sich viele der Frauen mit Freude anschließen.
Nach all der körperlichen Anstrengung schläft es sich sehr gut.
Karin